Grenzen.

Die Sonne scheint. Die Laune ist frühlingshaft. Die Elfe tanzt auf meinem Arm ins Auto. Wir machen die Musik ein bisschen lauter als sonst. Ich sehe im Rückspiegel ihre kleinen Arme in der Luft während Justin Bieber ein Mädchen bittet sein Freund zu bleiben. Vor der Kita lachen wir beide und ich genieße ihr Strahlen. Das Feuer in ihren Augen. Wir tanzen weiter. In die Kita. Die Treppe hoch. Ich sehe ihre Freundinnen und sie erzählen uns aufgeregt, dass das kleine Baby jetzt da ist! Ich grinse den Vater an. Er sieht glücklich aus. Ein schöner Tag.

Ich schiebe die Elfe im Rollstuhl in ihren Raum. Schaue mich um. Die Kinder reden durcheinander. Alles lacht. „Bist du heute auch bei M. auf dem Geburtstag?“ aus dem Nichts kommt diese Frage. Ich erstarre kurz. Die Elfe schaut mich hilflos an. M. hat Geburtstag? Stimmt. Es ist März. Sie feiert heute? Meine Verwirrung steigert sich immer mehr. Ich spüre die Hand der Lütten wie sie sich an mit festkrallt. „Nein, die Elfe darf nicht kommen. Sie kommt doch nicht alleine die Treppe hoch.“ Tiefschlag. In den Magen. Ruhig bleiben, atmen. Ich sehe ihre Tränen. Raus hier. Auf den Flur. Schnell.

Sie weint. Sie schreit. Sie schlägt auf ihren Rollstuhl ein. Sie zehrt an ihren Orthesen. Immer wieder. Immer härter. Ich flüstere Sätze in ihr Ohr, die nicht helfen. Wie auch? Wie soll ich ihr erklären, dass sie nicht auf den Geburtstag einer ihrer besten Freundinnen darf? Was soll ich ihr sagen? Was kann jetzt helfen? Nichts. Ihre Wut richtet sich nicht gegen das Mädchen. Sie ist wütend auf sich selbst. Auf diese verdammte Behinderung. Diese dummen Beine, die nicht machen was sie sollen. Der blöde Mund, der die Worte in ihrem Kopf nicht spricht. Der schwache Rücken, der sie nicht aufrecht hält. Ich halte sie. Ich spreche ihre Gedanken aus. Ich trage sie. Aber ich kann ihre Behinderung nicht verschwinden lassen. Ich kann nicht. Verdammt.

Ihre Wut wird leiser. Ein kleines Schluchzen. Ihre Erzieherin fängt sie auf. Macht sie zum Kamerakind. Sie weint leise mit ihr mit und hält mich fest. Wir sind nicht allein. „Geh jetzt. Ich schaffe das!“ Ich steige ins Auto und starre das Lenkrad an. Ich bin so wütend. Wie kann man ein Kind so ausgrenzen? Das Mädchen ist nicht schuld. Dieses Mädchen hört ihren Eltern nur sehr aufmerksam zu. Eltern, die uns seit über zwei Jahren kennen, die ihr Mädchen gerne zum Spielen zu uns bringen, die vor der Kita mit mir erzählen und lächeln. Aber Freundschaft hat Grenzen. Ein Rollstuhl ist eine Grenze.

Es ist Morgen. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken. Im Radio fragt John Newman ein Mädchen ob sie ihn nochmal Liebe kann. Die Elfe lacht. Wir springen die Treppe hoch und ich sehe ihre Freundinnen, höre ihre Rufe nach der Elfe und spüre ihre Freude. Sie nimmt M. ganz fest in den Arm und lacht. Wir schenken ihr ein Bild. Die Elfe hat mit ihrem Bruder noch gemalt. Kein Geburtstag ohne Geschenk. Die Mädchen ziehen zusammen los. Hand an Rollstuhl. Freundschaft hat in Kinderköpfen keine Grenzen.

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8 Gedanken zu „Grenzen.“

  1. Oh man, und wieder sitze ich hier und weine. Genau DIE Gedanken habe ich auch – immer und immer wieder. Die Eltern meiden mich, denn wir sind die mit dem behinderten Kindergartenkind (er sitzt auch im Rollstuhl), aber die Kinder spielen gemeinsam – in deren Augen hat M. nichts, er krabbelt und das erzählen sie stolz ihren Eltern. Und die? Die schauen betreten zur Seite. Zum Kindergeburtstag wurde M. auch noch nie eingeladen. Und ich überlege dieses Jahr ganz bewusst einen Kindergeburtstag für ihn zu machen – MIT seinen Kindergartenfreunden. Aber ob die dann kommen dürfen?

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    1. Wir feiern. Jedes Jahr mit allen Kindern. Es ist war jetzt auch der erste Geburtstag auf dem sie nicht eingeladen war bei ihren Freundinnen. Ich finde es so schlimm! Es gibt doch tausend Wege. Am einfachsten: die Eltern mit einladen. Fertig. Aber wer Gründe sucht wird sie immer finden. Inkluson scheitert in den Köpfen.

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      1. Danke dir. So werden wir es machen. Ich lade die Eltern einfach mit ein – danke! Und ja, leider scheitert Inklusion oft in den Köpfen der Menschen. Und wenn es dann noch die Familien gibt, wie ihr und wir, die offensiv mit der Behinderung ihres Kindes umgehen …
        Ich bin gespannt und wünsche euch einen tollen Start in den Frühling (wenn er denn mal kommt 🙂 )

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  2. Sehr eindrücklich geschrieben, es tut mir wirklich leid für die Elfe.
    Vielleicht hast du jetzt keine Lust mehr – könnte ich verstehen – dich mit den Eltern des Geburtstagskindes auseinanderzusetzen, aber dennoch:
    ihr kennt euch, sprecht immer wieder miteinander, ihre Tochter spielt bei euch, was hat sie bewogen die Elfe nicht einzuladen ?
    Angst, dass der Elfe bei ihnen etwas passiert und sie nicht sinnvoll reagieren können ?
    Wirklich der Rollstuhl und die Treppen ? Das alles hätte man ja ansprechen können, besonders wenn das eigene Kind umgekehrt schon euer Gast war und wenn man auch sonst miteinander spricht.
    Das Verhalten der Eltern wirkt schon recht hilflos, einfach nicht sehr erwachsen, im schlimmsten Fall völlig empathielos. Haben sie im Nachhinein gemerkt, was sie ausgelöst haben ? Hast du versucht es nochmal anzusprechen, meidet ihr euch jetzt oder ist alles als wäre nichts gewesen ?
    Es würde mich interessieren !
    LG

    Und zum Schluss:
    Talk to me Baby ist ein super-starker Beitrag !

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  3. Meine behinderte Tochter ist erst knapp anderthalb und wir hatten bisher erst eine richtig blöde Situation. Meine Tochter ist natürlich viel zu klein, um zu verstehen, was da los war. Aber der Tag wird kommen. Und wenn ich daran denke, kommen mir jetzt schon die Tränen.
    Ich glaube, viele Menschen handeln aus Angst und Feigheit so bescheuert. Auch wenn ich es trotzdem nicht nachvollziehen kann. Die Eltern des Kindes hätten doch einfach fragen können, ob ihr es für machbar haltet, die Elfe einzuladen und worauf man im Ungang mit ihr achten muss. Dann wäre das Thema erledigt gewesen und alle glücklich.

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  4. Uns geht es genauso…. beim gesunden Gescheisterkind sind Geburtstage ein Fest. Beim Behinderten zieht sich mein Magen schon beim Wort „Geburtstag“ zusammen. Es gibt oft Krokodilstränen….

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  5. Ich hab jetzt einige Deiner Beiträge gelesen. Mehrfach. Und ich bin sehr berührt, tief beeindruckt und voller Emotionen. In viele Richtungen. Es ist so besonders, daß Du uns auf diesem Weg mitnimmst, Deine Gedanken und Gefühle teilst, die ihr gemeinsam habt. Etwas jetzt genauer zu kommentieren käme mir nicht fair vor, weil fast alles was ihr erlebt es verdient erwähnt zu werden. Eure Kraft und Wille, sich nichts und niemandem zu beugen ist soviel Inspiration für mich, daß ich mich einfach nur bedanken möchte… Alles Liebe und Gute für Euch. ✨🖤🍀

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